Elgar portrait -
               from a painting belonging to Arthur Reynolds

SIR EDWARD ELGAR


Biographische Bemerkungen

von Ian Lace


Elgar wurde am 2. Juni 1857 im Dorf Broadheath etwa 5 Kilometer von der Provinzstadt Worcester in den englischen West Midlands entfernt geboren. Sein Vater war Besitzer eines Musikaliengeschäfts in Worcester sowie auch ein umherziehender Klavierstimmer.

The Elgar shop in the
centre of Worcester
Daher hatte der junge Elgar den großen Vorteil, in einem durchaus praktisch geprägten Musikumfeld groß zu werden. Er studierte die im Laden seines Vaters verfĀgbare Musik und hat sich selber beigebracht, viele verschiedene Instrumente zu spielen. Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Elgar weitestgehend autodidaktisch zum Komponisten wurde - ein Beweis für die ausgeprägte Entschlossenheit, die seinem Genie zugrunde lag. Sein langer Kampf, um sich als einen herausragenden Komponisten internationalen Ranges zu etablieren, war hart und oft sehr bitter. Jahrelang mußte er mit Apathie, mit den Vorurteilen einer eingefleischten Musikestablishments, mit religiöser Bigotterie (er war Mitglied der katholischen Minderheit in dem vorwiegend protestantischen England) sowie mit einer spätviktorianischen Provinzgesellschaft, in der Klassenbewußtsein alles durchdringte, kämpfen.

Durch die 1880er und 1890er Jahre hindurch wuchs seine Erfahrung. Sein Stil reifte auch an seiner Dirigenten- und Kompositionstätigkeit für lokale Musikgesellschaften. Zudem gab er Violinunterricht und spielte Orgel an der katholischen St. Georgs Kirche in Worcester.

Alice Elgar

1889 heiratete er eine seiner Schülerinnen, Caroline Alice Roberts, Tochter des verstorbenen General majors Sir Henry Roberts, der auf eine glänzende Karriere beim britischen Heer in Indienzurückblicken konnte. Sie heiratete Edward trotz des Widerspruchs ihrer Tanten und Kusinen (ihre Mutter starb 1887), die ihr einzureden versuchten, daß sie die Heirat mit dem Sohn eines einfachen Ladenbesitzers unter ihrem Stand sei. Dennoch spielte Alice durch ihre Entschlossenheit und ihren unerschütterlichen Glauben an Edwards zu Tage tretendes Genie eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der Karriere Elgars.

Allmählich und durch solche FrĀhwerke wie die Froissart Ouverture (1890), den Imperial March (1897) und die Kantaten King Olaf (1896) und Caractacus (1898) verbreitete sich jetzt sein Ruf über die Gegend unmittelbar um sein heimatliches Worcestershire hinaus. Sein erster großer Erfolg waren 1899 die Variations on an Original Theme (Enigma). "Meinen darin dargestellten Freunden" gewidmet, zeigte dieses Werk, ein Meisterwerk in Form und Instrumentation, daß Elgar von diesem Zeitpunkt den anderen bedeutenden englischen Komponisten seiner Zeit sowohl in der Technik als auch in der absoluten Kraft seiner musikalischen Persönlichkeit überlegen war.

The final page of the
manuscript score of
The Dream of Gerontius

Nach den Sea Pictures, einem Liederzyklus für Alt und Orchester (1899), kam eine von Elgars größten sakralen Kompositionen - The Dream of Gerontius - basierend auf dem Gedicht des Kardinals Newman über den Weg, den die Seele über die Schwelle des Todes bis zum jüngsten Gericht und darüber hinaus geht. Leider, als Folge der unzulänglichen Proben, war bei der Uraufführung dieses komplexen und originellen Werkes im Oktober 1900 in Birmingham der Erfolg ausgeblieben. Dennoch hat die Mehrheit der Kritiker die Gröߊe des Werkes erkannt. Glücklicherweise wurde diese Komposition dank einer zweiten Aufführung durch Julius Buths in Düsseldorf im Dezember 1901 sowie auch im Mai des folgenden Jahres bei den Niederrheinischen Festspielen in Düsseldorf, vor dem Vergessen gerettet. Nach der letzteren Aufführung wurde Elgar von Richard Strauss als der erste wirklich progressive englische Komponist gelobt. Nach dem Mißerfolg des Dream of Gerontius im Jahre 1900 war Elgar verständlicherweise deprimiert. Jedoch innerhalb von wenigen Tagen fing er charakteristischerweise wieder an, neue Musik zu schreiben - eine aufwallende Konzertouvertüre Cockaigne (in London Town), welche 1901 eine erfolgreiche Erstaufführung erlebte. Als Bestätigung dieses Erfolgs entstanden im selben Jahr die ersten zwei der Pomp and Circumstance Märsche, von denen der erste D-dur das berühmte Trioteil, das später Land of Hope and Glory werden würde, beinhaltete. Elgar wuüte den Wert dieser Musik zu schätzen, denn er hatte vorausgesagt, "Ich habe eine Melodie, die sie schlagen - richtig schlagen - wird! ... Eine Melodie wie diese fällt einem nur einmal im Leben ein ...". Jetzt war Elgar "angekommen". 1904 fanden Festspiele im Covent Garden statt, bei welchen nur Elgars Musik aufgeführt wurde, u.a. die Uraufführung des spritzigen neuen Konzert-Ouvertüre In the South, die er als Folge eines Urlaubs in Alassio in Italien komponiert hatte. In Juli desselben Jahres wurde Elgar von König Edward VII geadelt. Inzwischen wurden Elgars Werke sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten aufgeführt. 1905 kam dann das Introduction and Allegro for Strings, ein meisterhaftes Werk für Streichinstrumente, Professor Sanford von der Yale University gewidmet. Im Jahre 1906 hat sich Elgar mit seinem großen Oratorium The Kingdom, der Fortsetzung zu The Apostles aus dem Jahre 1903, intensiv beschäftigt. Diese zwei Werke basieren auf einer bis ins feinste Detail ausgearbeiten Tapisserie aus Leitmotivverbindungen im Stil Wagners. Elgars sah ursprünglich einen Zyklus von drei Oratorien vor. Der dritte Teil dieser Trilogie wurde jedoch nie vollendet.

Elgar conducting in EMI's
Abbey Road No 1 studio
in 1931

Als nächstes begann Elgar, sich mit einem symphonischen Werk auseinanderzusetzen. Bereits 1898 hatte er Pläne für eine Symphonie (ursprünglich um die Figur des General Gordons). Diese Arbeit hat er im Winter 1907-08 ernsthaft wiederaufgenommen, als er sich in Rom aufhielt. Die Symphonie Nr. 1 As-dur wurde im Dezember 1908 in Manchester uraufgeführt. Sie wurde dem deutschen Dirigenten Hans Richter gewidmet, der diese Erstaufführung auch dirigierte und der über diese Symphonie sagte, "Meine Herren, wir wollen jetzt die größte Symphonie der Moderne einstudieren, komponiert vom größten modernen Komponisten - und nicht nur dieses Landes". Das Werk wurde mit riesiger Begeisterung aufgenommen. In Großbritannien fanden einhundert Aufführungen statt und zudem in Amerika, Australien und Rußland u.a. weitere Aufführungen, innerhalb von weniger als einem Jahr. August Jaeger vom Novello-Verlag - der Nimrod der Enigma Variations - schätzte das Adagio der Symphonie als vergleichbar mit denen Beethovens. Michael Kennedy, Verfasser der Elgar-Biographie Portrait of Elgar, bemerkt: "Diese war nicht nur Elgars, sondern zugleich auch Englands erste Symphonie".

Kurz danach folgte ein Violinkonzert und dann eine weitere Symphonie in den Jahren 1910 bzw. 1911. Das Violinkonzert h-moll wurde Fritz Kreisler gewidmet, der die Uraufführung spielte. Die Partitur fängt mit einer Eintragung in spanischer Sprache an: "Aquí está encerrada el alma de ......" ("hier ist die Seele von ...... verwahrt"). Manche behaupten, daß Elgar dabei an Alice Stuart-Wortley, Tochter des englischen prä-raphaelitischen Malers Millais, gedacht hat. Zu diesem Zeitpunkt war sie nämlich Elgar und seiner Musik eng verbunden. Das Konzert ist ein schwieriges Virtuosenstück, in seinem Ausmaß dem Beethoven'schen Konzert ähnlich, dennoch reicher in seiner Instrumentierung. Der langsame Satz strahlt eine besondere Schönheit aus, während der Schlußsatz ein einmaliges und zauberhaft wirkendes Merkmal beinhaltet - eine begleitete Cadenza, bei der die Streicher angewiesen sind, die pizzicato tremolando Passage mit den Weichteilen dreier Finger zu trommeln, während die Violine über Ideen, die aus den früheren Sätzen stammen, lange reflektiert.

Elgar conducting at
Wembley

Die Symphonie Nr. 2 Es-dur, wenn auch keineswegs auf Anhieb so erfolgreich wie ihr Vorgänger, ist dennoch wahrscheinlich die tiefsinnigste symphonische Äußerung Elgars. Am Anfang der Partitur steht ein Zitat von Shelley: "Rarely, rarely comest thou, spirit of delight" (Selten, selten kommst du, Geist der Wonne), und suggeriert demzufolge, daß dieses Werk nicht nur von Wonne, sondern auch von deren Seltenheit handelt. Obwohl Elgar die Symphonie dem Andenken des kürzlich verstorbenen Königs Edward VII widmete, ist sie vielmehr als nur Ausdruck der Nationaltrauer um den Tod eines sehr beliebten Monarchen. Elgar vertraute seinen Freunden an, daß die Symphonie alles, was ihm zwischen April 1909 und Februar 1911 passiert war, symbolisierte und daß ihre eigentlichen Wurzeln noch weiter zurückgingen. Zwei Orte sind in der Partitur zu finden: Venedig und Tintagel. In Wirklichkeit beginnt das Larghetto, normalerweise als Trauerklagelied für den verstorbenen König angedeutet, mit einer Idee, die durch die Markus-Basilica in Venedig - welche Elgar 1909 besucht hatte - inspiriert wurde.

Zwischen der Zeit der zweiten Symphonie und dem Beginn des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 erschienen nur zwei Hauptwerke Elgars - The Music Makers, eine Ode für Alt, Chor und Orchester auf der Basis eines Gedichts von Arthur O'Shaughnessy (1912), sowie eine symphonische Studie über Shakespeares Falstaff (1913). The Music Makers ist ein tief persönliches Werk, das zahlreiche Selbstzitate aus seinen früheren Werken beinhaltet. Es drückt die einflußreiche und positive Rolle des schöpferischen Künstlers auf die Gesellschaft aus und unterstreicht gleichzeitig Elgars Einsamkeit und Verwundbarkeit. Elgar betrachtete Falstaff als eines von seinen besten Werken - eine Wertschätzung, die viele Berufsmusiker teilen. Doch nach den persönlichen seelischen Ergüssen der großen Oratorien, der Symphonien und des Violinkonzerts wirkte Falstaff eher relativ unpersönlich, was wahrscheinlich die Erklärung für die relative Geringschätzung bietet.

Der Erste Weltkrieg deprimierte Elgar zutiefst. Mit Ausnahme von einigen patriotischen Stücken, Bühnenmusik für ein Kindertheaterstück The Starlight Express (1915), Vertonungen von drei Kriegsgedichten von Laurence Binyon, The Spirit of England (1915-17) und dem Ballett The Sanguine Fan (1917), entstanden keine großangelegten Werke. Erst 1918-19, während seiner letzten großen Periode des Komponierens, erschienen seine drei kammermusikalischen Werke - die Violinsonate e-moll, das Streichquartett e-moll und das Klavierquintett a-moll sowie das Cellokonzert e-moll, sein letztes großes Meisterwerk. Das Publikum merkte schnell den geänderten Charakter seiner Musik - vergangen waren die Pracht und Bravur früherer Zeiten. Anstelle davon trat ein neuer Elgar auf, der weniger selbstsicher und zügleich beschaulicher und mehr zurückgezogen war. In bezug auf das Cellokonzert sagt Professor Ian Parrott, "es ist ein eigenartiges Werk, komponiert von einem einsamen Mann in der Kriegszeit, der begreift, daß die künstlerischen Werte seiner Welt sich unwiderruflich geändert haben."

1920 starb Lady Elgar, und mit ihr starb auch viel von Elgars Inspiration und seinem Willen zu komponieren. Sie hatte seinen ganzen Haushalt organisiert und für seine Bequemlichkeit gesorgt. Über Jahre hinweg hatte sie ihm unzählige Stunden lästiger Arbeit abgenommen, wie zum Beispiel das Zeichnen von Linien auf Musikpapier. Bei allen Wetterbedingungen war sie meilenweit gelaufen, um wertvolle Manuskript- und Korrekturfahnenpakete zur Post zu geben. Während der frühen Tage ihrer Ehe hatte sie außerdem mit ihm zusammengearbeitet, um Werke entstehen zu lassen wie Scenes from the Bavarian Highlands (1896) - Elgars Vertonungen über Gedichte seiner Frau, welche auf einen angenehmen Urlaub in Deutschland zurückgingen. Zuweilen, als der entscheidende Erfolg noch immer auszubleiben schien, hielt sie in ihrer Überzeugung fest zu ihm. Kurzum, sie war die treibende Kraft hinter seinem Genie, bei jeder Gelegenheit hatte sie ihn ermutigt und seine Talente gepriesen.

Elgar with Marco,
his spaniel dog

Während der 20er Jahren lebte Elgar, durch den schmerzlichen Verlust seiner Frau wie auch durch die gesellschaftlichen und musikalischen Änderungen infolge des Ersten Weltkriegs tief deprimiert, zurückgezogen, nach außen hin zufrieden, als Landedelmann mit seinen Hunden in seinem geliebten Worcestershire. Nur gelegentlich kam er aus dieser abgeschiedenen Welt wegen zu einem Besuch nach London, um als Dirigent aufzutreten oder um seine Musik auf Schallplatte einzuspielen (für die englische Schallplattenfirma HMV hat er eine hervorragende Reihe von Aufnahmen seiner eigenen Musik gemacht). Ehren wurden ihm nach wie vor zuteil. 1928 wurde er Knight Commander of the Victorian Order (K.C.V.O.). Um diese Zeit herum schien Elgar neu belebt zu sein, denn er begann mit der Arbeit an mehreren größeren Projekten, unter anderen an einer Oper "The Spanish Lady" sowie auch an einer dritten Symphonie. 1933 ist er nach Paris geflogen, um sein Violinkonzert zu dirigieren. Solist war der junge Yehudi Menuhin, mit dem er das Werk mehrere Wochen zuvor in London auf Schallplatte eingespielt hatte (eine Aufnahme, die bis heute noch erhältlich geblieben ist). Während seines Aufenthalts in Frankreich nahm Elgar die Gelegenheit wahr, den deutschstämmigen englischen Komponisten Frederick Delius zu Hause in Grez-sur-Loing zu besuchen. Beide Männer hatten nur noch ein Jahr zu leben. Oktober 1933 wurde ein bösartiger Tumor bei Elgar entdeckt, der gegen den Ischiasnerv drückte. Weiterzukomponieren wurde jetzt unmöglich, und er starb an den Folgen dieser Krankheit am 23. Februar, 1934.

© ELGAR SOCIETY 1979

.

"Dreißig Jahre nach seinem Tod 1934 wurde seine Musik für 'nicht mehr in Mode' gehalten. Seiner Musik wurde nachgesagt, sie verkörpere das Edwardische Zeitalter und sei zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr relevant. Dennoch glaube ich, daß diese Musik von einer solch überragenden Größe geprägt ist, daß sie nicht an einen kurzen Zeitraum gebunden ist. Sie ist in jedem Fall Musik so einer persönlichen Natur, daß sie nur als 'Elgarsche' und nicht als 'Edwardische' Musik beschrieben werden kann."

Michael Kennedy - 'Portrait of Elgar'

(Oxford University Press -1968)

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" . . . Seine größte Musik wurde - und wird immer noch - als der Inbegriff des Englischen betrachtet. . . .Doch danach bleibt noch das Paradox, daß die Musik Elgars vor allem von Immigranten und Ausländern gewürdigt wurde . . ."

" . . . Sie (die Elgars) waren stolz, Engländer zu sein; sie haben sich oft mit den kleinen wie auch mit den groŠen Streitfragen ihrer Zeit auseinandergesetzt; jedoch haben sie als axiomatisch akzeptiert, daß eine nationale Sentimentalität ohne Verbindung zur humanistischen Tradition des europäischen Denkens ohne Wert war . . . "

Dr. Percy M. Young - 'Elgar O.M.'

(Purnell Book Services - 1973 edition)

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